Ein Corona-Erfahrungsbericht - Woche 7

Wie's uns gerade so geht:

Wir sind jetzt hier in Prag in der 6. oder 7. Ausgangsbeschränkungs-Woche - ich vergesse nicht nur mittlerweile, welcher Tag ist, sondern auch welche Woche. Mein Mann und ich merken, wie unsere Energien schwinden. Wir merken, wie die Kinder immer anhänglicher werden, nicht mehr allein einschlafen, nicht mehr durchschlafen, wie Fragen gestellt werden nach den Großeltern und Tanten und Cousins, die sie so vermissen (ich weine schon); Fragen stellen nach der Kindergeburtstagsfeier im Mai, Fragen nach den Sommerferien, die wir nicht beantworten können.


Ich merke insbesondere, dass meine Wut immer größer wird. Die Wut auf europäische Regierungen: wieso eigentlich macht Schweden es anders und es interessiert keine Politiker - S... Seele? Wo ist sie denn jetzt, die EU - Europäische UNION? Vereinigung? Im Moment kämpft jeder für sich. Einzelne Allianzen gibt es langsam, wenn es um die Reisesituation im Sommer geht. Zwischendurch kamen mal ein paar Ärzte nach Italien, um zu helfen. Aber wo ist die politische UNION? Ich kann es nicht verstehen - wir analysieren in der Privatwirtschaft den Markt von vorne bis hinten, von oben nach unten. Wir schauen uns Best Practice Beispiele an und versuchen, Strategien zu entwickeln, zu übernehmen. Wieso passiert das nicht in der Politik?


Die Wut auf Konzerne: Wenn in der Telefonkonferenz die Frage vom Ehemann nach Lösungen für Eltern, die in den nächsten Wochen keine Kinderbetreuung haben, einfach totgeschwiegen wird. Hier würde ich gerne einen kleinen Hinweis geben: Liebe Top Manager: Ich weiß, dass das, was jetzt kommt, sehr schwierig ist zu begreifen und nachzuvollziehen. Einfach kurz hinsetzen und ein- und ausatmen nicht vergessen. Also es ist so: auch Führungskräfte haben Kinder und arbeitende Partner. Ich weiß, ich weiß. Aber wir sind jetzt doch schon in 2020.


Die Wut auf meine Nachbarn: wenn jede Woche die Oma und die Tante und die Cousine zu Besuch kommen und meine Tochter mich fragt: wieso dürfen die das denn und ich keine Antwort drauf habe.


Die Wut auf die Frauen-Plattform, die meine Veranstaltung lieber von einem Mann abhalten lässt als Solidarität zu zeigen oder mir Flexibilität zuzugestehen.


Die Wut auf mich, dass ich soviel schaffe, so unglaublich viel, und trotz allem die Frage nach "Weiterentwicklung meines Coaching-Angebots" nicht beantworten kann, ständig jemandem absagen muss; nicht, dass mir momentan die Online-Bude eingerannt wird. Ich kann einfach Termine kaum einhalten, geschweige denn kreativ arbeiten.


Die Wut auf Regelungen wie: "Sie können das Kind in den Kindergarten bringen, wir messen Ihre Temperatur und die Ihres Kindes, bevor Sie eintreten und wenn Ihre Temperatur über einem Wert liegt, den wir zwar bestimmt haben, aber Ihnen nicht mitteilen, müssen Sie und Ihr Kind wieder nach Hause gehen". Ich persönlich habe eine Normaltemperatur von 37.5 im 2. Teil meines Zykluses - ja, was heißt das jetzt für mich? Achso - Zyklus, das ist so ein Thema, darüber spricht die Welt nicht so gern.... hm, ja.


Meine Sehnsucht nach Familie, nach Freunden, nach Umarmungen von lieben Menschen wird immer größer. Ich umarme meinen Mann und meine Kinder, aber es wird mir bewusst, wie gern ich grundsätzlich anderen Menschen nahe bin. Ich begrüße gern mit Bussi, Bussi oder mit einer Umarmung. Auch das fehlt mir - jetzt kommen mir wieder die Tränen.


Und dann sitze ich hier und denke darüber nach, was meine Ausbildungs-Coaches zu uns in der 1.Ausbildungs-Einheit gesagt haben: Seien Sie großzügig zu sich selbst im nächsten Jahr. Wer mit sich selbst großzügig sein kann, kann es auch leichter mit anderen.


Ich kann das mal mehr, mal weniger. Aber das ist ok. Im Moment müssen wir Eltern keine pädagogischen Glanzleistungen vollbringen, hab ich mir sagen lassen. Wir müssen das durchstehen. Mit mal mehr und mal weniger Energie. Mit mal weniger "Anna und die wilden Tiere" und "CHecker-Tobi" und mit mal mehr. Und wir müssen kommunizieren und mitteilen, wie es uns jetzt geht und auch falls wir Unterstützung brauchen. Mit Großzügigkeit anderen gegenüber, die vielleicht auf der Leitung stehen und einen Schubs benötigen, um in die Realität zu fallen. Das Schweigen nicht akzeptieren, sondern nochmal nachfragen. Wir Eltern, wir erziehen die Zukunft dieser Welt. Ohne uns kann diese Gesellschaft nicht funktionieren, kann kein Konzern wirtschaften. Wir brauchen also jetzt Unterstützung dieser Gesellschaft, um dann auch wieder zurückgeben zu können.

In manchen Momenten bin ich wahnsinnig sauer auf dieses Virus. 2020 sollte doch toll werden und soviel passieren - ich hatte solche Freude daran, Workshops zu planen, Gruppen-Coachings zu organisieren. Große Erwartungen - "Hätte, hätte, Corona-kette".


Für mich heißt das, neue Wege suchen und wenn der kreative Geistesblitz auf sich warten lässt, mal lieber ne Runde "Anna" mitschauen und sich an der Wald- und Wildtier-Welt erfreuen oder eine Runde selbst in den Wald zu gehen.


Diese Zeit ist anstrengend - ja, das ist es.

Ich bin wütend - ganz ehrlich, vollkommen ok.

Ich vermisse meine Familie, ich könnte schreien - aber ich freue mich wahnsinnig auf unser Wiedersehen. Denn da wird gefeiert, ich kann's schon sehen.


Was ich damit sagen will: wir müssen nicht jeden Tag lächelnd durchs Leben laufen. Meiner Ansicht nach ist es in Ordnung, all diese Gefühle zu haben. Die negativen wie die positiven. Großzügigkeit walten lassen, mit sich selbst, aber auch mit anderen - auch das hilft in diesen Zeiten.


Zum Schluß möchte ich den Produzenten von den oben genannten Serien meinen höchsten Dank aussprechen, auch den Machern von Paw Patrol möchte ich danken. VIELEN DANK! Sie wissen gar nicht, wie wir diese Momente der Ruhe, die Sie uns bescheren, schätzen.






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